Bayern 4 Klassik
CDs kritisch gehört: Neue Alte Musik-Aufnahmen
13. Oktober 2008
21.03 Uhr
Autorin: Ilona Hanning

Auszug aus dem Sendemanuskript:

Im 18. Jahrhundert wurde in der Musikwelt heftigst gestritten. Und zwar um den Geschmack, den „Stil “oder „Gout“, wie die Franzosen sagen. Jeder verteidigte seinen Nationalstil. Aber trotz aller Streitereien und Unterschiede gab es aber doch gewisse Konstanten: die Characteristika von Tanzsätzen zum Beispiel. „Les Caractéres de la Danse“ heißt die CD des Ensemble „Harmony of Nations“, das diesmal mit dem  italienischen Oboisten Alfredo Bernardini zusammenarbeitet. Auf ihrer neuen CD präsentieren sie bekannte Werke wie die Suite  aus „The Fairy Queen“ von Henry Purcell oder Albinonis Konzert op. 9 Nr. 2. Aber auch das Werk „Les Caractères de la Danse“ von Jean-Féry Rebel, das bisher, laut Bielefelder Katalog, überhaupt nur zweimal eingespielt worden ist.

Doch ob die Musiker bekannte oder wenig  unbekanntere Werke spielen, die neue CD des Ensembles „Harmony of Nations“ überzeugt vom ersten bis zum letzten Ton.

Erste Kostprobe daraus das Werk  „Les Caractères de la Danse“, das, wie der Name schon andeutet, verschiedene Tanzsätze aneinanderreiht.

Das Ensemble hat ein sehr gutes Gespür für die Tempi und arbeitet klar, und ohne direkt  mit dem Finger darauf zu zeigen, die Charakteristika dieser Tanzsätze heraus. Nach zwei Noten weiß man sofort, um welchen Tanz es sich handelt. Dank abwechslungsreicher Besetzung, mal kommen Blockflöte oder Oboen hinzu, erreichen sie auch eine schöne Farbigkeit in ihrer Interpretation. Überhaupt ist der Klang dieses Ensembles, bestehend aus 9 Geigen, 2 Bratschen, 2 Celli, einem Kontrabass, einem Fagott und Cembalo wunderbar homogen.

Musik: Take 13, Les Caractères de la Danse von Jean-Féry Rebel
Dauer: 8:07 Min
Edition Raumklang
Harmony of Nations unter Alfredo Bernardini
LC: 05068

“Les Caractères des la Danse”, ein Werk  von  Jean-Féry Rebel gespielt vom Ensemble „Harmony of Nations“ unter Alfredo Bernardini.

Bernardini ist auf dieser CD auch als Solist zu hören. Der Italiener, von Haus aus Barockoboist, gestaltet den Höhepunkt dieser CD: das Adagio aus Albinonis Konzert op.9 Nr. 2. Die meisten  kennen diesen langsamen Satz, in dem der Solist mit einer schlichtenKantilene über dem Klangteppich der Streicher schwebt. Solch ein Adagio ist in der italienischen Barockmusik grundsätzlich zu verzieren, vor allem in der Wiederholung! Alfredo Bernardinis Verzierungen strotzen nur so vor Ideenreichtum und sind dem Affekt und dem Stil der Musik angemessen: Da erklingen schnelle Tonleitern auf- oder abwärts, die einen großen Sprung in der Melodie verbinden. Sie beginnen wie aus dem Nichts, dezent aber gut hörbar. Da schlenzt Alfredo Bernardini auch mal einen harmoniefremden Ton mit hinein, um den Affekt noch deutlicher zu machen. Oder er setzt  Seufzerfiguren und füllt Terzengänge aus, natürlich nicht, ohne sie ganz unterschiedlich zu rhythmisieren. Man könnte meinen, der Komponist hat all diese Verzierungen geschrieben, so natürlich fügen sich Bernardinis Ideen in den ursprünglichen Notentext ein. UND: Das Vibrato hat bei ihm zwei unterschiedliche Funktionen: zum einen setzt er es ganz bewusst, um einem Ton noch mehr Nachdruck zu verleihen.  Zum anderen nutzt er es,  um den Ton am Ende seiner Entwicklung aufblühen zu lassen. All das ergibt sich scheinbar wie von selbst und hat mich zutiefst berührt. Besser kann man diese Musik nicht spielen!

 

Take 15: Adagio aus concerto a cinque op.9 Nr. 2, Dauer: 6:02 Min
Oboe und Leitung: Alfredo Bernardini
Edition Raumklang
Harmony of Nations unter Alfredo Bernardini
LC: 05068

 

Alfredo Bernardini heißt der Barockoboist, der den langsamen Satz aus dem Konzert Op. 9 Nr. 2 von Tomaso Albinoni gespielt hat. Ihm zur Seite stand das Ensemble Harmony of Nations.  Johann Joachim Quantz hat mal gesagt:

„Ein Redner und ein Musikus haben …einerley Absicht zum Grunde, nämlich: sich der Herzen zu bemeistern, die Leidenschaften zu erregen oder zu stillen, und die Zuhörer bald in diesen, bald in jenen Affect zu versetzen.“

Da kann man nur sagen: gut gesprochen, Alfredo Bernardini. Nachzuhören auf der CD “Les Caractères des la Danse”, die beim Label Raumklang erschienen ist.